Optimismus
Ich bin mein Leben lang aktiver Optimist, d.h. ich sehe das Positive, wo immer ich kann (weil das Negative eh unübersehbar ist).
Aber dieses Jahr gibt es so viele Anzeichen dafür, dass es unangenehmer wird, dass ich es nicht übersehen kann. Es kann sein, dass wir jetzt durch ein paar Jahre müssen, wo uns Corona wie ein Urlaub erscheint, die Pegida-und-AfD-Jahre wie Schlechtwetter und die Terrorjahre friedlich.
Andererseits passiert eigentlich nie, was sich linear abzeichnet. Ein schönes Sprichwort aus der Wissenschaft sagt: „Lineare Vorhersagen zeigen uns sehr lange Raupen – keine Schmetterlinge.“
Wenn ich einen Euro bekommen hätte für jedes Mal, wo jemand eine düstere Vorhersage machte, die dann nicht eintrat, dann wäre ich noch immer nicht so reich wie Elon Musk, aber hätte genug, um jemandem ein Haus zu schenken. ;-)
Vielleicht trifft Trump der Schlag oder Putin erliegt seinem Krebs. Die Anführer der Hamas sterben an Wurstvergiftung oder Netanjahu muss ins Gefängnis. Und Xi beschließt, dass China eigentlich schön ist wie es ist. Google erinnert sich an „Don‘t be evil“, Facebook beschließt, dass es mehr Kohle macht, wenn es die Demokraten unterstützt, oder Amazon stellt fest, dass Clean Energy seinen Aktien steigen lässt. Ein Elektroauto kommt auf den Markt, das so cool ist, dass alle Verbrenner-Fans nur mehr schnöseln: „Was, du fährst noch Explosion? Issja primitiv.“ Die AfD zerstreitet sich in drei Tochterparteien.
Klingt alles unwahrscheinlich? Ja, finde ich auch.
Aber ich habe auch schon erlebt, wie die Sowjetunion und die USA, nachdem sie 45 Jahre mit Atomraketen auf mich gezielt hatten, plötzlich Hände schüttelten. Wie Russland statt des nächsten uralten Augenbrauenmonsters plötzlich einen sympathischen Gorbatschow hatte. Wie Jassir Arafat nach Jahrzehnten PLO-Terror mit 60 eine Tochter bekam und schlagartig beschloss, ihr einen Frieden mit Israel zu hinterlassen.
Ich habe erlebt, wie ein deutscher Bundeskanzler und ein französischer Ministerpräsident Händchen hielten, nachdem ihre Vorfahren einander Jahrhunderte lang begeistert und hocheffizient abgeschlachtet hatten. Wie Jörg Haider zuerst die FPÖ halbierte und dann sich selbst, indem er gegen einen Baum fuhr.
Ich habe erlebt, wie Rauchen plötzlich uncool war und kurz darauf öffentliche Gebäude rauchfrei. Und wie Raucher darauf NICHT mit Verschwörung und Wutbürgerei reagierten, sondern vernünftig. (Danke. Ihr wart die größte Gruppe, die in den letzten Jahrzehnten auf ein Privileg verzichtet hat und sich dabei sozial verhielt.)
Ich habe erlebt, wie meine Nazi-Großmutter zu meinem jüdischstämmigen Vater nach 30 Jahren Eiseskälte sagte: "Ich weiß nicht, was du mit meiner Tochter gemacht hast, aber es war offensichtlich das Richtige."
Ich habe erlebt, wie Freddie Mercury starb, ohne zuzugeben, dass er schwul ist, obwohl er einer der beliebtesten Menschen des Planeten war – und ein paar Jahre darauf war es ok, schwul zu sein, und zehn Jahre nach seinem Tod hatten wir schwule Stylingshows im Fernsehen.
Ich habe erlebt, wie England seine Kolonien in die Unabhängigkeit entließ (heute ist der häufigste Grund für einen Nationalfeiertag auf diesem Planeten die Unabhängigkeit von Großbritannien: über 60 Staaten feiern das).
Ich habe erlebt, wie wir die Pocken ausgerottet haben – was nur heute niemandem mehr Eindruck macht, WEIL wir sie ausgerottet haben.
Ich habe erlebt, wie wir plötzlich ein Gerät hatten, mit dem ich, egal wo ich war, mit Menschen sprechen konnte. Und wie mein Vater deswegen einen Herzstillstand überlebte und noch 91 wurde. Und wie wir plötzlich eine Verbindung hatten, wo ich von zuhause in den besten Wissenssammlungen der Welt Antworten finden konnte. Und Leuten Einhornbilder schicken.
Klingt plötzlich nicht mehr so unwahrscheinlich, oder?
Was fällt euch an positiven Ereignissen ein, die wir nicht erwarteten?
2026 wird sehr viel passieren. Mein Vater pflegte zu sagen: „Vorhersagen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“
Lasst uns das Gute unterstützen und das Schlimme bekämpfen, das Großartige feiern und das Schreckliche ertragen, die Katastrophen überleben und die Wunder erleben.
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