Was wir der nächsten Generation wirklich vererben sollten
Wenn in der Finanz- und Unternehmerwelt über das „Vererben“ gesprochen wird, geht es fast immer um Zahlen. Es wird über Steuerfreibeträge diskutiert, über Schenkungen, Immobilienbewertungen und die rechtliche Absicherung von Vermögen. Das ist alles wichtig und notwendig. Aber es greift viel zu kurz.
Die weitaus größere Herausforderung wird selten ausgesprochen: Wie vererbt man die Haltung, die überhaupt erst dazu geführt hat, dass dieses Vermögen entstehen und bleiben konnte?
Finanzielles Vermögen ohne ein stabiles Wertefundament ist oft eine tickende Zeitbombe. Es kann träge machen, den Blick für die Realität verzerren oder im schlimmsten Fall familiäre Beziehungen vergiften. Die eigentliche Aufgabe eines Unternehmers ist es daher nicht, der nächsten Generation ein möglichst großes Bankkonto zu hinterlassen. Die Aufgabe ist es, den Respekt vor dem Wert der Arbeit und eine gesunde Demut weiterzugeben.
Das Prinzip der unsichtbaren Substanz
Ich habe für meine Familie und mich vor langer Zeit eine Entscheidung getroffen: Wir leben das, was man heute oft als „Quiet Luxury“ bezeichnet. Für mich bedeutet das schlicht und ergreifend: Substanz vor Show. Wahre Souveränität braucht keinen Lärm, keine Statussymbole, die man demonstrativ vor sich hergibt, und keine Bestätigung von außen.
Dieses Prinzip der Diskretion und Privatsphäre ist das Fundament, auf dem unser Familienleben steht. Und genau das ist es auch, was ich meiner Tochter weitergegeben habe und heute meiner Enkelin vermitteln möchte. Vermögen ist kein Freifahrtschein für unbegrenzten Konsum oder die Erlaubnis, sich auf den Lorbeeren der Eltern auszuruhen. Vermögen ist in erster Linie eines: Gestaltungsfreiheit gepaart mit Verantwortung.
Verantwortung lernen, nicht nur Privilegien sehen
Wie vermittelt man das der nächsten Generation, besonders wenn die Enkelkinder vielleicht schon in einem Umfeld aufwachsen, in dem es an nichts fehlt?
Geld entmystifizieren: Über Geld sollte in der Familie gesprochen werden – aber nicht als Maßstab für den Wert eines Menschen, sondern als Werkzeug. Die nächste Generation muss verstehen, wie hart Kapital erarbeitet werden muss und wie schnell es durch Unvernunft schwindet.
Eigenleistung einfordern: Privilegien dürfen niemals zur Selbstverständlichkeit werden. Bildung, internationale Schulen und Türen, die sich öffnen, sind Geschenke – aber hindurchgehen und die Leistung erbringen muss jeder selbst.
Den Blick für das Wesentliche schärfen: Das größte Privileg von Wohlstand ist nicht der Luxus, sondern die Zeit. Zeit für die Familie, Zeit für den Schutz von Werten, Zeit, um sich für Dinge einzusetzen, die größer sind als man selbst – sei es im Tierschutz, im Naturschutz oder in sozialen Projekten.
Das Erbe, das bleibt
Wenn ich heute auf mein Leben blicke, dann bin ich stolz auf die Immobilien, die wir gebaut und entwickelt haben, und auf die Stabilität unseres Portfolios. Aber nichts davon hat einen bleibenden Wert, wenn die Familie daran zerbricht oder die nächste Generation den Kompass verliert.
Wenn meine Tochter heute das Familienunternehmen mit derselben unternehmerischen Klugheit, aber auch mit derselben menschlichen Demut führt, dann ist das mein eigentlicher Erfolg als Vater und Unternehmer.
Am Ende des Tages werden die Zahlen auf den Konten fluktuieren. Märkte verändern sich, Währungen kommen und gehen. Was bleibt, sind die Leitlinien, nach denen wir leben. Wer seinen Kindern nur Geld hinterlässt, macht sie reich. Wer ihnen Werte hinterlässt, macht sie krisenfest.