Balus Cave

16 Jahre Day One, 4.092 Erinnerungen und der Abschied seines Gründers

Manche Apps installiert man, benutzt sie eine Weile und löscht sie irgendwann wieder. Andere bleiben. Über Jahre. Manchmal sogar über einen beträchtlichen Teil des eigenen Lebens.

Day One gehört für mich zur zweiten Kategorie.

Seit rund 16 Jahren begleitet mich diese Tagebuch-App. Inzwischen haben sich 4.092 Einträge angesammelt. Vier­tausendzweiundneunzig kleine und große Momentaufnahmen meines Lebens.

Manche bestehen nur aus wenigen Sätzen. Andere erzählen ausführlich von einem Tag, von Menschen, Begegnungen, Gedanken oder Ereignissen. Dazu kommen Fotos, Videos, Ortsangaben und Wetterdaten.

Ein digitales Tagebuch eben. Aber eigentlich ist es viel mehr als das.

Eine App wird zum Lebensbegleiter

Wenn ich heute durch meine alten Einträge blättere, begegne ich manchmal einem Menschen, der ich einmal war.

Ich lese Gedanken, die ich längst vergessen hatte. Entdecke Fotos, an die ich mich kaum noch erinnern konnte. Und gelegentlich muss ich über Dinge schmunzeln, die mir damals unglaublich wichtig erschienen und heute völlig bedeutungslos sind.

Andere Einträge berühren mich noch immer.

In 16 Jahren verändert sich schließlich einiges. Menschen kommen und gehen. Lebensumstände ändern sich. Man erlebt schöne Zeiten, schwierige Zeiten und manchmal Ereignisse, die das gesamte Leben auf den Kopf stellen.

Day One war dabei.

Still, zuverlässig und ohne große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Vielleicht ist genau das die größte Leistung einer guten Tagebuch-App: Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Sie lässt uns einfach unser Leben festhalten.

Besonders schön finde ich bis heute die Funktion „An diesem Tag“. Ein kurzer Blick genügt, und plötzlich stehe ich wieder mitten in einem Tag vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren.

Manchmal ist das wunderbar. Manchmal auch schmerzhaft.

Aber immer ist es ein Stück meiner eigenen Geschichte.

Der Mann hinter Day One verabschiedet sich

Nun habe ich gelesen, dass Paul Mayne, der Gründer von Day One, das Unternehmen verlässt.

Mayne hat Day One 2011 ins Leben gerufen und die Anwendung über viele Jahre geprägt. 2021 wurde Day One von Automattic übernommen, dem Unternehmen hinter WordPress.com.

Jetzt endet auch für den Gründer dieses Kapitel.

Die Nachricht hat mich nachdenklicher gemacht, als ich zunächst erwartet hätte.

Natürlich kenne ich Paul Mayne nicht persönlich. Und natürlich ist Day One längst mehr als das Projekt eines einzelnen Entwicklers.

Trotzdem verbindet man bestimmte Anwendungen unweigerlich mit den Menschen, die sie geschaffen haben.

Bei Day One war das für mich immer Paul Mayne.

Seine Vorstellung davon, wie ein digitales Tagebuch aussehen und funktionieren sollte, hat eine Anwendung hervorgebracht, die mich über viele Jahre begleitet hat.

Dafür bin ich ihm dankbar.

Ausgerechnet jetzt entdecke ich Diarly

Das Leben hat manchmal ein merkwürdiges Timing.

Ausgerechnet in diesen Tagen, in denen der Abschied des Day-One-Gründers bekannt wird, beschäftige ich mich intensiver mit Alternativen.

Nicht, weil ich mit Day One unzufrieden wäre.

Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich eine ausgeprägte Neugier auf Software habe. Ich entdecke gerne neue Anwendungen, probiere sie aus und freue mich über Entwickler, die bekannte Dinge auf eine andere Weise lösen.

So bin ich auf Diarium und Diarly gestoßen.

Diarium hat mich nicht besonders begeistert. Die Anwendung kann viel, wirkt auf mich optisch allerdings etwas altbacken.

Bei Diarly war das anders.

Ich öffnete die iPhone-App und dachte nur: Alter Scholli, sieht das schön aus!

Wunderschöne Hintergründe, halbtransparente Karten, angenehme Schrift und eine Oberfläche, die einfach Freude macht.

Also habe ich kurzerhand mein gesamtes Day-One-Archiv importiert.

Alle 4.092 Einträge.

Und zu meiner Überraschung scheint die Übernahme einschließlich der Fotos und Ortsinformationen ausgesprochen gut funktioniert zu haben.

Inzwischen habe ich sogar Kontakt mit dem Entwickler Krzysztof aufgenommen. Ich hatte einen kleinen Verbesserungsvorschlag zur automatischen Erfassung vollständiger Adressen.

Er antwortete persönlich, freundlich und erklärte mir, welche Möglichkeiten Diarly bereits bietet und warum er mit zusätzlichen Optionen zurückhaltend ist.

Solche Begegnungen mag ich. Sie erinnern mich daran, dass hinter einer schönen App Menschen stehen, die sich Gedanken über ihre Arbeit machen.

Muss ich mich jetzt entscheiden?

Nein.

Und das ist vielleicht die angenehmste Erkenntnis der vergangenen Tage.

Ich muss Day One nicht verlassen, nur weil ich Diarly schön finde.

Ich muss auch nicht jede neue Anwendung sofort zu meinem zukünftigen Standard erklären.

Day One kostet mich dank meines alten Silber-Tarifs gerade einmal drei Euro im Monat. 36 Euro im Jahr für eine Anwendung, die einen erheblichen Teil meines Lebens dokumentiert.

Das ist für mich gut investiertes Geld.

Und deshalb werde ich mein Abonnement behalten.

Diarly darf mich trotzdem weiter begeistern. Vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann mehr. Vielleicht bleibt es auch einfach eine schöne Entdeckung.

Ich habe es nicht eilig.

Software ist manchmal mehr als Software

In den vergangenen Wochen habe ich mich von Evernote als meiner wichtigsten Notiz-App verabschiedet und Bear für mich entdeckt.

Das war ein erstaunlich befreiender Schritt.

Bei Day One fühlt sich der Gedanke an einen Abschied anders an.

Vielleicht, weil Notizen für mich vor allem Wissen, Informationen und gesammelte Fundstücke enthalten.

Ein Tagebuch dagegen erzählt meine Geschichte.

Natürlich sind es technisch betrachtet ebenfalls nur Daten. Texte, Bilder, Zeitstempel und Metadaten, gespeichert auf irgendwelchen Datenträgern.

Aber wenn ich einen alten Eintrag öffne, sehe ich keine Datenbank.

Ich sehe einen vergangenen Tag meines Lebens.

Und manchmal einen Menschen, den es in dieser Form längst nicht mehr gibt.

Danke, Paul Mayne

Ich weiß nicht, wohin sich Day One in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Automattic hat angekündigt, die Anwendung weiterzuführen. Das ist beruhigend. Trotzdem beginnt mit dem Abschied ihres Gründers ein neues Kapitel.

Ich werde diese Entwicklung aufmerksam verfolgen.

Und ich werde weiterhin meine drei Euro im Monat bezahlen.

Nicht aus nostalgischer Verpflichtung, sondern weil Day One nach wie vor eine hervorragende Anwendung ist, die mir über viele Jahre gute Dienste geleistet hat.

Paul Mayne wünsche ich für seinen weiteren Weg alles Gute.

Er hat etwas geschaffen, das für viele Menschen weit mehr ist als ein Stück Software.

Für mich sind es inzwischen 4.092 Erinnerungen.

Und morgen kommt vielleicht die nächste dazu.


Weiterführend: Day One – Celebrating Paul Mayne