Die Liebe zu schönen Dingen und warum mir gutes Softwaredesign so wichtig ist
Es ist mal wieder eine dieser Nächte, in denen der Schlaf auf sich warten lässt. Und wenn ich schon nicht schlafen kann, kann ich wenigstens ein paar Gedanken zu Papier bringen. Oder besser gesagt: auf den Bildschirm.
Ich habe ein Faible für schöne Dinge.
Steve Jobs war bekanntlich ein großer Bewunderer des deutschen Industriedesigns, insbesondere der Produkte von Braun und der Arbeit von Dieter Rams. Ich kann das gut nachvollziehen. Klare Linien, reduzierte Formen, durchdachte Details. Dinge, die nicht nur funktionieren, sondern bei denen man spürt, dass sich jemand Gedanken über ihre Gestaltung gemacht hat.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich Apple seit so vielen Jahren die Treue halte.
Ein MacBook ist für mich eben nicht einfach nur ein Computer. Es ist ein wunderschön gestaltetes Stück Technik. Natürlich können andere Notebooks dieselben Aufgaben erledigen. Aber sie lösen bei mir nicht dieselbe Begeisterung aus.
Und genau darum geht es mir.
Besonders deutlich wird meine Begeisterung für gutes Design beim iPhone. Für mich ist das iPhone 5 bis heute das schönste iPhone, das Apple jemals gebaut hat. Diese klaren Kanten, die schlanken Proportionen, die Kombination aus Aluminium und Glas, für mich war das nahezu perfektes Industriedesign. Ein Smartphone, das nicht nur technisch faszinierte, sondern auch als Gegenstand eine besondere Ausstrahlung hatte.
Erst mit dem iPhone Air ist Apple diesem Ideal für meinen Geschmack wieder erstaunlich nahegekommen. Diese unglaubliche Schlankheit, die elegante Silhouette und die Konzentration auf das Wesentliche erinnern mich an das, was mich damals am iPhone 5 so begeistert hat.
Natürlich sind heutige iPhones technisch um Welten überlegen. Aber Schönheit lässt sich eben nicht in Prozessorgeschwindigkeit, Megapixeln oder Akkulaufzeit messen.
Manche Geräte möchte man nicht nur benutzen. Man möchte sie einfach gerne in die Hand nehmen und anschauen.
Schönheit ist keine Frage der Vernunft
Ich liebe schöne Frauen. Schöne Autos. Elegante Formen, gelungene Architektur und Gegenstände, die man einfach gerne anschaut oder in die Hand nimmt.
Warum sollte das bei Software anders sein?
Eine App ist für mich nicht einfach nur ein Werkzeug, das eine bestimmte Aufgabe erfüllen muss. Ich möchte sie gerne öffnen. Ich möchte Freude daran haben, mit ihr zu arbeiten. Ich mag liebevolle Details, eine durchdachte Benutzeroberfläche und diese besondere Selbstverständlichkeit, mit der sich eine wirklich gute App bedienen lässt.
Natürlich muss sie funktionieren. Aber Funktion allein reicht mir nicht immer.
Und genau das ist vermutlich der Grund, warum mein digitaler Werkzeugkasten niemals wirklich fertig wird.
Warum muss Software eigentlich so oft hässlich sein?
Was mich dabei immer wieder erstaunt: Wie wenig Wert manche Entwickler offenbar auf die Gestaltung ihrer Software legen.
Da gibt es Programme, die technisch nahezu alles beherrschen, deren Benutzeroberfläche aber aussieht, als hätte seit zwanzig Jahren niemand mehr einen Gedanken an sie verschwendet.
Überladene Menüs, winzige Schaltflächen, lieblose Symbole und Einstellungen, die irgendwo in verschachtelten Untermenüs versteckt sind.
Hauptsache, noch eine Funktion mehr.
Dabei ist gutes Design für mich weit mehr als eine hübsche Oberfläche. Es bedeutet auch, dass ich eine Anwendung intuitiv verstehe. Dass ich nicht erst eine Bedienungsanleitung studieren muss, um eine alltägliche Aufgabe zu erledigen.
Manche Entwickler scheinen zu glauben, eine Software sei umso besser, je mehr Schaltflächen sie auf einem Bildschirm unterbringen können.
Ich sehe das anders.
Eine gute App sollte mir nicht ständig zeigen müssen, was sie alles kann. Sie sollte mir das Gefühl geben, dass alles ganz selbstverständlich funktioniert.
Natürlich ist Schönheit Geschmackssache. Was ich als elegant empfinde, mag für andere langweilig oder zu minimalistisch sein.
Aber zwischen bewusst reduziertem Design und einer lieblos zusammengebauten Benutzeroberfläche liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.
Und ja, manchmal verzichte ich lieber auf die eine oder andere Funktion, wenn ich dafür eine Anwendung bekomme, mit der ich wirklich gerne arbeite.
Die ewige Suche nach der schöneren Lösung
Ich gebe es zu: Ich probiere leidenschaftlich gerne neue Apps aus.
Nicht unbedingt, weil meine bisherigen Programme schlecht wären. Oft funktionieren sie sogar hervorragend. Aber dann entdecke ich eine Alternative, die etwas eleganter aussieht, sich angenehmer bedienen lässt oder eine Aufgabe auf eine Weise löst, auf die ich selbst nie gekommen wäre.
Und schon ist meine Neugier geweckt.
Das führt dazu, dass ich meine Arbeitsabläufe immer wieder hinterfrage. Brauche ich diese App überhaupt noch? Gibt es inzwischen etwas Besseres? Oder vielleicht einfach etwas Schöneres?
Manchmal kostet mich diese Neugier Geld. Und ja, ich bin durchaus bereit, für gute Software zu bezahlen. Schließlich steckt hinter einer gelungenen App oft jahrelange Arbeit, und gutes Design entsteht nicht zufällig.
Andere sammeln Uhren, Modellautos oder Füllfederhalter. Ich sammle gewissermaßen Erfahrungen mit Software.
Der einzige Nachteil: Meine Sammlung bringt inzwischen eine erstaunliche Zahl an Abonnements mit sich.
Wie Markdown mein Schreiben verändert hat
Ein schönes Beispiel ist mein Umgang mit Texten.
Früher schrieb man seine Texte in einer klassischen Textverarbeitung. Man wählte Schriftarten, veränderte Schriftgrößen, formatierte Überschriften und beschäftigte sich manchmal mehr mit dem Layout als mit dem eigentlichen Inhalt.
Ich gehörte lange zu dieser Fraktion.
Erst vor einigen Jahren bin ich, als ziemlicher Spätzünder, über Markdown gestolpert.
Und plötzlich wurde vieles einfacher.
Keine überladenen Werkzeugleisten, keine ständigen Formatierungsentscheidungen. Nur der Text, ein paar einfache Zeichen für die Struktur und ansonsten Ruhe.
Heute entstehen meine Blogartikel, Geschichten und Buchprojekte praktisch vollständig in iA Writer.
Ich liebe diese reduzierte Umgebung. Sie lenkt mich nicht ab, sondern lässt mich genau das tun, was ich eigentlich möchte: schreiben.
Ausgerechnet der Verzicht auf Gestaltung während des Schreibens hat für mich das schönere Schreiberlebnis geschaffen.
Eine gewisse Ironie liegt darin schon.
Wenn alte Lieben Konkurrenz bekommen
Ähnlich geht es mir gerade mit anderen Apps, die mich teilweise seit vielen Jahren begleiten.
Evernote war über eine sehr lange Zeit mein digitales Gedächtnis. Tausende Notizen, Informationen und Erinnerungen haben sich dort angesammelt.
Und jetzt?
Jetzt ist Bear dabei, Evernote abzulösen.
Nicht, weil Evernote plötzlich unbrauchbar geworden wäre. Sondern weil Bear mit seiner eleganten Oberfläche, der Markdown-Unterstützung und seinem angenehm reduzierten Konzept inzwischen viel besser zu meiner Vorstellung von einer schönen Notiz-App passt.
Noch erstaunlicher ist die Entwicklung bei meinem Tagebuch.
Day One begleitet mich seit rund 16 Jahren. Mehr als 4.000 Einträge dokumentieren einen beträchtlichen Teil meines Lebens. Eigentlich eine Beziehung, die man nicht leichtfertig beendet.
Und trotzdem hat es Diarly geschafft, mich innerhalb kürzester Zeit zu begeistern.
Warum?
Weil ich die App geöffnet habe und spontan dachte: Meine Güte, ist das schön.
Natürlich muss sich erst noch zeigen, ob Diarly auf Dauer alles bietet, was ich brauche. Aber die Begeisterung ist da. Und manchmal beginnt eine Veränderung genau mit diesem Gefühl.
Nach 16 Jahren treuer Dienste muss Day One also plötzlich feststellen, dass selbst ein sicher geglaubter Arbeitsplatz in meinem digitalen Leben keine Beschäftigungsgarantie bietet.
Selbst meine Lautsprecher brauchen schöne Software
Ein weiteres Beispiel für meine etwas ausgeprägte Experimentierfreude ist mein Sonos-System.
Ich liebe meine Sonos-Lautsprecher. Nicht nur wegen ihres Klangs, sondern auch wegen ihrer Gestaltung. Sie fügen sich wunderbar in die Wohnung ein, wirken elegant und unaufdringlich. Genau so stelle ich mir gutes Produktdesign vor.
Aber auch die schönsten Lautsprecher wollen bedient werden.
Und damit beginnt für mich schon wieder die Suche nach der passenden App.
Die offizielle Sonos-App erledigt ihre Aufgaben, aber so richtig glücklich bin ich mit ihr nie geworden. Also habe ich angefangen, Alternativen auszuprobieren. Sonement, Lyd, Sonify und einige andere haben sich inzwischen auf meinem iPhone eingefunden.
Lange Zeit war Sonify mein Favorit. Vor allem, weil ich damit die Lautstärke meiner Lautsprecher bequem über die physischen Tasten des iPhones regeln konnte.
Und dann entdeckte ich KlingKlang.
Eine kleine, angenehm übersichtliche App, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Keine überladene Oberfläche, kein unnötiger Schnickschnack. Einfach eine direkte Steuerung meiner Musik und Lautsprecher.
Natürlich konnte ich nicht widerstehen.
Inzwischen ist KlingKlang auf dem besten Weg, Sonify bei mir abzulösen. Nicht weil Sonify schlecht wäre, sondern weil mir das Konzept der neuen App ausgesprochen gut gefällt. Und weil der Entwickler auf Rückmeldungen reagiert und seine Anwendung weiter verbessert.
Noch ist nicht alles perfekt. Aber das muss es auch nicht sein.
Manchmal reicht schon das Gefühl, dass jemand eine App mit derselben Begeisterung entwickelt, mit der ich sie später benutze.
Und so haben jetzt sogar meine Lautsprecher eine neue Lieblings-App bekommen.
Wobei ich lieber keine Garantie dafür abgebe, wie lange das so bleibt.
Es geht nicht darum, immer das Neueste zu haben
Vielleicht könnte man mir vorwerfen, ständig auf der Suche nach dem nächsten glänzenden Spielzeug zu sein.
Ganz falsch wäre das vermutlich nicht.
Aber mir geht es nicht darum, immer die neueste App zu besitzen oder jedem Trend hinterherzulaufen.
Ich suche nach Werkzeugen, die sich richtig anfühlen.
Nach Software, bei der Funktion, Gestaltung und Bedienung eine Einheit bilden. Nach Anwendungen, die selbst alltägliche Aufgaben ein kleines bisschen angenehmer machen.
Und ich glaube, dass wir uns viel zu häufig mit mittelmäßiger Software zufriedengeben, nur weil wir uns an sie gewöhnt haben.
Wir akzeptieren umständliche Bedienung, überladene Oberflächen und gestalterische Einfallslosigkeit, weil das Programm schließlich seinen Zweck erfüllt.
Aber reicht das wirklich?
Bei einem Auto achten wir auf die Linienführung, bei Möbeln auf Materialien und Proportionen, bei einer Uhr auf jedes noch so kleine Detail.
Warum sollten wir ausgerechnet bei den digitalen Werkzeugen, mit denen wir täglich viele Stunden verbringen, weniger Ansprüche haben?
Manchmal bleibe ich einer App viele Jahre treu. Manchmal genügt ein einziger Nachmittag mit einer Alternative, um meine Gewohnheiten infrage zu stellen.
Und manchmal kehre ich reumütig zu meiner alten Lösung zurück.
Auch das gehört dazu.
Die Suche geht weiter
Werde ich irgendwann den perfekten Satz an Apps gefunden haben?
Vermutlich nicht.
Dafür verändert sich die digitale Welt viel zu schnell. Und dafür bin ich selbst viel zu neugierig.
Vielleicht ist genau das aber auch das Schöne daran.
Ich entdecke gerne Neues. Ich vergleiche, probiere aus, verwerfe und beginne manchmal wieder von vorne. Nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus Freude an den Möglichkeiten.
Denn am Ende möchte ich nicht einfach nur mit meinen Geräten arbeiten.
Ich möchte Freude daran haben.
Und wenn mich eine wunderschön gestaltete App dazu bringt, mein digitales Leben wieder einmal auf den Kopf zu stellen, dann ist das eben so.
Andere nennen das vielleicht Zeitverschwendung.
Ich nenne es ein Hobby.
Und meine bisherigen Apps sollten sich besser nicht allzu sicher fühlen.