Balus Cave

Unverzichtbare iOS-Apps - Staffel 2 #6: Halide - wenn ich fotografieren und nicht nur knipsen möchte

Ich habe ein iPhone.

Damit könnte dieser Artikel eigentlich schon wieder vorbei sein.

Denn Apple baut inzwischen Kameras in seine Smartphones, von denen man vor einigen Jahren nur träumen konnte.

iPhone aus der Tasche.

Kamera öffnen.

Auslösen.

Und meistens kommt ein verdammt gutes Foto dabei heraus.

Wozu brauche ich also Halide?

Weil zwischen einem guten Foto und dem Fotografieren für mich manchmal ein Unterschied liegt.

Apple möchte, dass ich mir keine Gedanken mache

Und das meine ich ausdrücklich als Kompliment.

Die Kamera-App des iPhones ist fantastisch darin, mir Arbeit abzunehmen.

Belichtung.

HDR.

Bildverarbeitung.

Farben.

Rauschreduzierung.

Schärfung.

Mehrere Aufnahmen werden im Hintergrund miteinander verrechnet, während ich davon praktisch nichts mitbekomme.

Ich drücke auf den Auslöser.

Das iPhone erledigt den Rest.

Für wahrscheinlich 90 Prozent meiner Fotos möchte ich genau das.

Und manchmal eben nicht

Manchmal möchte ich selbst ein bisschen mehr entscheiden.

Wie soll belichtet werden?

Wo liegt der Fokus?

Was macht die Kamera eigentlich gerade?

Welche Aufnahme bekomme ich, wenn ich dem iPhone nicht sämtliche Entscheidungen überlasse?

Dann öffne ich Halide.

Und plötzlich fühlt sich die Kamera meines iPhones ein bisschen weniger nach Smartphone und ein bisschen mehr nach Kamera an.

Das iPhone kann fotografieren. Halide lässt mich fotografieren.

Das ist wahrscheinlich der wichtigste Unterschied.

Apple optimiert die Kamera darauf, möglichst zuverlässig ein fertiges Ergebnis zu produzieren.

Halide gibt mir stärker das Gefühl, am Entstehen dieses Ergebnisses beteiligt zu sein.

Manuelle Kontrolle.

Fokus.

Belichtung.

RAW.

Werkzeuge, die beim bewussten Fotografieren helfen.

Ich muss davon nicht immer alles benutzen.

Aber ich kann.

Und allein diese Möglichkeit verändert manchmal schon die Art, wie ich ein Motiv betrachte.

RAW - oder: Das Foto ist noch nicht fertig

Normalerweise liefert mir das iPhone ein Bild, bei dem bereits sehr viel passiert ist.

Und das ist meistens hervorragend.

Bei RAW sieht die Sache anders aus.

Da bekomme ich mehr Ausgangsmaterial und weniger fertiges Gericht.

Das Bild kann zunächst sogar unspektakulärer wirken.

Flacher.

Weniger beeindruckend.

Und genau das ist der Punkt.

Denn wenn ich später selbst bearbeiten möchte, will ich nicht unbedingt, dass vorher schon sämtliche Entscheidungen für mich getroffen wurden.

Dann darf das Foto ruhig erst einmal unfertig sein.

Dafür habe ich schließlich noch eine andere App in dieser Staffel.

Aber zu Photomator kommen wir später.

Apples Bildverarbeitung ist genial und manchmal ein bisschen zu genial

Smartphone-Fotografie ist heute zu einem erheblichen Teil Computerfotografie.

Das Ergebnis kann beeindruckend sein.

Dunkle Bereiche werden aufgehellt.

Helle Bereiche gerettet.

Strukturen herausgearbeitet.

Farben optimiert.

Und manchmal schaue ich auf das Ergebnis und denke:

Sehr schönes Foto. Nur sah es so eigentlich gar nicht aus.

Das ist kein grundsätzliches Problem.

Fotografie war noch nie eine vollkommen neutrale Abbildung der Realität.

Aber manchmal möchte ich weniger Interpretation durch das Telefon.

Halide gibt mir Möglichkeiten, mich bewusster mit dem eigentlichen Bild auseinanderzusetzen.

Und dann gibt es Process Zero

Eine Funktion von Halide finde ich deshalb besonders spannend: Process Zero.

Die Idee dahinter passt wunderbar zu dem, was ich an Halide mag.

Weniger computergestützte Zauberei.

Weniger von dem typischen Smartphone-Look.

Mehr von dem, was der Sensor tatsächlich aufgenommen hat.

Das bedeutet nicht automatisch:

besser.

Ganz wichtig.

Manche Fotos sehen mit Apples Verarbeitung schlicht besser aus.

Aber Process Zero gibt mir eine Alternative.

Und Alternativen mag ich.

Ich möchte schließlich selbst entscheiden.

Natürlich macht Halide meine Fotos nicht automatisch besser

Das wäre schön.

App kaufen.

Installieren.

Ab sofort Fotograf.

Funktioniert leider nicht.

Halide kann mir mehr Kontrolle geben.

Es kann mir Werkzeuge geben.

Es kann mir Informationen zeigen.

Aber wenn das Motiv langweilig ist, das Licht schlecht und der Bildausschnitt fürchterlich, hilft auch Halide nicht.

Vielleicht wird das Ergebnis sogar schlechter als mit Apples Kamera-App.

Denn mehr Kontrolle bedeutet zwangsläufig auch:

mehr Möglichkeiten, es selbst zu vermasseln.

Damit kann ich leben.

Warum nicht immer Halide?

Weil ich manchmal einfach nur ein Foto machen möchte.

Meine Familie macht irgendetwas.

Etwas Lustiges passiert.

Ich sehe etwas unterwegs.

iPhone raus.

Auslösen.

Fertig.

In diesen Situationen ist Apples Kamera-App nahezu unschlagbar.

Sie ist schnell.

Sie ist direkt verfügbar.

Und sie liefert zuverlässig gute Ergebnisse.

Ich würde deshalb niemals behaupten, Halide habe Apples Kamera-App bei mir ersetzt.

Hat es nicht.

Halide ergänzt sie.

Das ist ein großer Unterschied.

Eine zusätzliche Kamera in derselben Hosentasche

Vielleicht kann man es so betrachten:

Früher hätte ich für unterschiedliche Arten der Fotografie vielleicht unterschiedliche Kameras oder Objektive mitgenommen.

Heute steckt die Hardware bereits im iPhone.

Die App entscheidet mit darüber, wie ich sie benutze.

Mit Apples Kamera möchte ich häufig einfach den Moment festhalten.

Mit Halide beschäftige ich mich eher mit dem Bild.

Das eine ist nicht besser als das andere.

Es sind unterschiedliche Arten, dieselbe hervorragende Hardware zu benutzen.

Muss man dafür wirklich Geld ausgeben?

Nein.

Ganz klar.

Niemand braucht Halide, um mit einem iPhone hervorragende Fotos zu machen.

Wer einfach schöne Bilder möchte, kann sein ganzes iPhone-Leben lang Apples Kamera-App benutzen und wird wahrscheinlich nichts vermissen.

Und Halide gehört auch nicht gerade zu den Apps, die man für ein paar Cent aus Neugier mitnimmt.

Das muss eine App dann rechtfertigen.

Für mich tut sie das.

Nicht weil jedes Foto damit besser wird.

Sondern weil sie mir etwas zurückgibt, das Smartphone-Kameras bewusst immer weiter verstecken:

Entscheidungen.

Manchmal möchte ich eben fotografieren

Ich liebe es, dass mein iPhone die Kamera sein kann, über die ich überhaupt nicht nachdenken muss.

Aber ich liebe genauso, dass dasselbe Gerät mir die Möglichkeit gibt, es anders zu machen.

Mehr Kontrolle.

Mehr ausprobieren.

Mehr selbst entscheiden.

Und wahrscheinlich auch mehr Ausschuss.

Das gehört zur Fotografie schließlich ebenfalls dazu.

Wenn ich einfach einen Moment festhalten möchte, öffne ich Apples Kamera.

Wenn ich Lust habe, mich mit dem Bild zu beschäftigen, öffne ich Halide.

Oder kürzer:

Manchmal möchte ich knipsen.

Manchmal möchte ich fotografieren.

Für Letzteres habe ich Halide.

Halide - unverzichtbar.