Unverzichtbare iOS-Apps - Staffel 2 #8: Photomator - meine digitale Dunkelkammer
Ein Foto ist fertig, wenn ich auf den Auslöser drücke.
Könnte man meinen.
Bei mir stimmt das häufig nicht.
Denn manchmal schaue ich anschließend auf ein Bild und denke:
So habe ich diesen Moment aber nicht gesehen.
Das Licht war schöner.
Die Stimmung wärmer.
Der Himmel dramatischer.
Das Gesicht lag nicht so sehr im Schatten.
Oder der Bildausschnitt könnte einfach besser sein.
Dann beginnt für mich der zweite Teil des Fotografierens.
Und dafür habe ich Photomator.
Nach Halide kommt die Dunkelkammer
In Folge #6 ging es um Halide.
Halide gibt mir beim Fotografieren mehr Kontrolle darüber, was meine iPhone-Kamera macht.
Photomator setzt für mich genau dort an, wo die Kamera aufhört.
Das Foto ist aufgenommen.
Jetzt kann ich daraus das Bild machen, das ich darin sehe.
Belichtung.
Kontrast.
Farben.
Lichter und Schatten.
Weißabgleich.
Ausschnitt.
Selektive Bearbeitungen.
RAW-Entwicklung.
Das klingt schnell nach professioneller Bildbearbeitung.
Und natürlich kann Photomator ziemlich tief gehen.
Aber ich muss das gar nicht immer.
Manchmal möchte ich schlicht ein Foto ein bisschen besser machen.
Das Interessante: Photomator gehört inzwischen Apple
Das ist eine bemerkenswerte Wendung in der Geschichte dieser App.
Photomator stammt vom Pixelmator-Team - einem kleinen Entwicklerteam aus Litauen, das über viele Jahre einige der interessantesten Bildbearbeitungsprogramme für Apple-Geräte entwickelt hat.
Im November 2024 kam dann die Nachricht:
Apple kauft Pixelmator.
Inzwischen ist daraus Realität geworden.
Wer heute im App Store nach Photomator schaut, findet dort nicht mehr Pixelmator Team als Entwickler.
Dort steht:
Apple.
Aus der unabhängigen Alternative ist also tatsächlich eine Apple-App geworden.
Und irgendwie passt das erstaunlich gut.
Apple hatte bereits Fotos und kaufte trotzdem Pixelmator
Denn natürlich stellt sich eine Frage:
Apple besitzt doch längst eine eigene Fotos-App.
Und die kann inzwischen ziemlich viel.
Belichtung korrigieren.
Farben verändern.
Zuschneiden.
Filter.
Automatische Verbesserungen.
Und noch einiges mehr.
Für die meisten alltäglichen Bearbeitungen brauche ich tatsächlich nichts anderes.
Wenn ein Foto nur etwas heller werden soll, öffne ich dafür nicht Photomator.
Aber Photomator geht weiter.
Und offenbar sah auch Apple einen Wert in dem Wissen und der Technologie hinter Pixelmator.
Statt nur zu versuchen, alles selbst nachzubauen, hat man sich schließlich gleich das Team ins Haus geholt.
Kann man natürlich auch machen.
😁
Trotzdem wurde Photomator nicht einfach in Fotos gestopft
Und darüber bin ich froh.
Photomator existiert weiterhin als eigenständige Anwendung.
Das halte ich für die bessere Lösung.
Apple Fotos darf Fotos verwalten und schnelle Bearbeitungen erledigen.
Photomator darf mein Werkzeug sein, wenn ich mich wirklich mit einem Bild beschäftigen möchte.
Zwei Apps.
Inzwischen derselbe Eigentümer.
Aber zwei unterschiedliche Aufgaben.
Genau damit kann ich hervorragend leben.
Bearbeiten bedeutet für mich nicht verfälschen
Bei Bildbearbeitung kommt irgendwann die alte Diskussion:
„Dann ist das Foto doch gar nicht mehr echt.“
Nur: Was ist bei digitaler Fotografie überhaupt „echt“?
Schon die Kamera trifft Entscheidungen.
Weißabgleich.
Kontrast.
Farben.
Schärfung.
Rauschreduzierung.
HDR.
Beim iPhone kommt noch jede Menge Computerfotografie hinzu.
Das Telefon interpretiert die Szene also bereits, bevor ich das Ergebnis überhaupt zu Gesicht bekomme.
Photomator gibt mir lediglich die Möglichkeit, anschließend selbst noch ein Wort mitzureden.
Ich möchte das vorhandene Foto bearbeiten
Das ist ungefähr meine persönliche Grenze.
Ein zu heller Himmel?
Darf dunkler werden.
Ein Gesicht im Schatten?
Darf heller werden.
Farben entsprechen nicht der Stimmung, die ich wahrgenommen habe?
Dann passe ich sie an.
Der Bildausschnitt gefällt mir nicht?
Weg damit.
Ich möchte schließlich ein Foto gestalten und keine kriminaltechnische Beweisaufnahme abliefern.
Aber irgendwann verändert sich die Aufgabe.
Dann wird aus:
„Ich bearbeite mein Foto.“
langsam:
„Ich erfinde ein neues Bild.“
Auch das kann Spaß machen.
Es ist nur für mich etwas anderes.
Gerade bei RAW beginnt Photomator zu glänzen
Und hier schließt sich wieder der Kreis zu Halide.
Wenn ich bewusst RAW beziehungsweise Apple ProRAW fotografiere, bekomme ich mehr Ausgangsmaterial für die spätere Bearbeitung.
Das Bild muss zunächst gar nicht spektakulär aussehen.
Im Gegenteil.
Es darf flacher wirken.
Unfertiger.
Denn genau das ist es:
unfertig.
Dann öffne ich es in Photomator.
Lichter zurückholen.
Schatten öffnen.
Farben korrigieren.
Kontrast verändern.
Vielleicht bestimmte Bereiche separat bearbeiten.
Und langsam entsteht das Foto ein zweites Mal.
Das macht mir wesentlich mehr Spaß, als einfach irgendeinen Filter darüberzulegen.
KI darf helfen
Natürlich kommt auch Photomator längst nicht mehr ohne künstliche Intelligenz aus.
Und warum sollte es?
Motive, Himmel oder Hintergründe automatisch auswählen, Rauschen reduzieren, störende Dinge entfernen oder die Auflösung eines Bildes verbessern – moderne Bildbearbeitung kann Arbeiten übernehmen, die früher erheblichen Aufwand bedeutet hätten.
Photomator nutzt solche intelligenten Werkzeuge inzwischen an vielen Stellen.
Das finde ich großartig.
Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, eine halbe Stunde lang Pixel mit einem winzigen Pinsel auszuwählen, nur damit ich anschließend behaupten kann:
Das habe ich aber noch von Hand gemacht.
Wenn die Maschine eine langweilige Arbeit besser erledigt:
Bitte sehr.
Dafür habe ich schließlich einen Computer.
Nur den Geschmack möchte ich noch selbst mitbringen
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
KI darf mir Arbeit abnehmen.
Sie darf mir Vorschläge machen.
Sie darf Bereiche erkennen.
Sie darf korrigieren.
Aber ich möchte am Ende noch entscheiden, wie mein Foto aussehen soll.
Ich möchte nicht einfach auf einen großen Knopf drücken:
MACH SCHÖN.
Und anschließend bekomme ich die statistisch optimale Version meines Bildes zurück.
Dann fehlt mir genau das, was mir an Bildbearbeitung Spaß macht.
Und natürlich kann man es maßlos übertreiben
Das kennt wahrscheinlich jeder, der schon einmal länger an einem Foto herumgeschraubt hat.
Etwas mehr Sättigung.
Noch ein bisschen Kontrast.
Struktur hoch.
Himmel dramatischer.
Schärfe.
Noch ein kleines bisschen.
Fertig.
Man schaut zehn Minuten später wieder auf das Bild und denkt:
Was zum Teufel habe ich da veranstaltet?
Zum Glück ist digitale Bildbearbeitung geduldig.
Zurück.
Noch mal.
Weniger.
Nur weil ein Regler bis 100 geht, muss er dort schließlich nicht stehen.
Und was ist mit Lightroom?
Natürlich steht bei einem Artikel über Fotobearbeitung irgendwann Adobe Lightroom im Raum.
Ein mächtiges Werkzeug.
Für sehr viele Fotografen wahrscheinlich sogar die naheliegendere Wahl.
Und ich werde sicher nicht behaupten, Photomator sei grundsätzlich besser.
Das wäre genau die Art von Vergleich, die ich in dieser Reihe vermeiden möchte.
Mich interessiert eine andere Frage:
Mit welchem Werkzeug arbeite ich gerne?
Photomator fühlt sich auf meinen Apple-Geräten für mich einfach richtig an.
Es passt zu meinem Workflow.
Es arbeitet mit meiner Fotomediathek.
Es funktioniert auf iPhone, iPad und Mac.
Und inzwischen gehört es sogar zu Apple selbst.
Mehr Ökosystem geht vermutlich kaum noch.
Ein schlechtes Foto bleibt trotzdem ein schlechtes Foto
Auch Photomator kann keine Wunder vollbringen.
Okay.
Software kann inzwischen erschreckend nahe an Wunder herankommen.
Aber trotzdem:
Ein langweiliges Motiv wird durch 27 Regler nicht automatisch interessant.
Ein miserabler Bildausschnitt bleibt problematisch.
Und wenn ich beim Fotografieren überhaupt nicht nachgedacht habe, kann ich nicht erwarten, dass Photomator hinterher meine Arbeit vollständig übernimmt.
Das finde ich sogar beruhigend.
Sonst könnten wir irgendwann gleich das Fotografieren weglassen und nur noch Bilder generieren.
Ich möchte aber weiterhin fotografieren.
Meine Dunkelkammer braucht kein rotes Licht
Früher war die Arbeit eines Fotografen nach dem Auslösen schließlich auch nicht zwingend beendet.
Danach ging es in die Dunkelkammer.
Entwickeln.
Belichten.
Abwedeln.
Nachbelichten.
Experimentieren.
Heute brauche ich dafür keine Chemikalien.
Ich sitze mit iPhone oder iPad da und schiebe mit dem Finger Regler über einen Bildschirm.
Zugegeben:
Das klingt deutlich weniger romantisch.
Aber das Prinzip gefällt mir trotzdem.
Das Foto entsteht ein zweites Mal.
Das Bild, das ich gesehen habe
Und genau darum geht es mir bei Photomator.
Ich möchte nicht aus einem grauen Nachmittag plötzlich einen Sonnenuntergang in der Toskana machen.
Zumindest nicht, wenn ich behaupten möchte, es sei noch dasselbe Foto.
Ich möchte aus dem Material meiner Kamera das Bild herausarbeiten, das ich darin sehe.
Manchmal dauert das dreißig Sekunden.
Manchmal länger.
Und manchmal stelle ich nach zehn Minuten Bearbeitung fest:
Das Original war besser.
Auch das gehört dazu.
Halide gibt mir Kontrolle beim Fotografieren.
Photomator gibt sie mir danach.
Und ausgerechnet Photomator, einst eine unabhängige Alternative zu Apples eigenen Werkzeugen, gehört heute selbst zu Apple.
Die Geschichte hätte ich mir vor ein paar Jahren auch nicht ausgedacht.
Meine digitale Dunkelkammer bleibt es trotzdem.
Photomator - unverzichtbar.