Balus Cave

Unverzichtbare iOS-Apps - Staffel 2 #9: OnThisDay - jeden Morgen eine kleine Zeitreise

Jeden Morgen um 9 Uhr meldet sich meine Apple Watch.

Nicht wegen eines Termins.

Nicht wegen einer Aufgabe.

Und auch nicht, weil ich schon wieder irgendwo anrufen soll.

Zum GlĂŒck.

Stattdessen erinnert mich OnThisDay – Daily Photo Finder daran, einmal in die Vergangenheit zu schauen.

Die App zeigt mir die Fotos, die ich an diesem Kalendertag in vergangenen Jahren aufgenommen habe.

Vor einem Jahr.

Vor fĂŒnf Jahren.

Vor zehn Jahren.

Und theoretisch sogar vor fĂŒnfzig Jahren.

Okay, meine iPhone-Fotomediathek reicht dann doch noch nicht bis 1976 zurĂŒck.

Aber die Idee gefÀllt mir trotzdem.

Jeden Tag eine kleine Zeitreise

Das Prinzip der App könnte kaum einfacher sein.

OnThisDay schaut in meine Fotomediathek und sucht nach Bildern mit dem heutigen Datum aus vergangenen Jahren.

Ist heute der 13. September, sehe ich also frĂŒhere 13. September.

Und plötzlich liegen verschiedene Jahre meines Lebens direkt nebeneinander.

Vielleicht war ich vor zwei Jahren irgendwo unterwegs.

Vor sieben Jahren mit meiner Familie zusammen.

Vor zwölf Jahren passierte ĂŒberhaupt nichts Besonderes.

Und dann taucht irgendein uraltes Foto auf, bei dem ich erst einmal ĂŒberlegen muss:

Meine GĂŒte, wo war das denn?

Genau das macht den Reiz aus.

Meine Fotos wissen mehr als ich

Unser GedÀchtnis ist ein miserabler Archivar.

Das hatten wir schon bei Day One.

Wir erinnern uns an die großen Dinge.

Geburtstage.

Urlaube.

UmzĂŒge.

Besondere Begegnungen.

Aber unser Leben besteht grĂ¶ĂŸtenteils aus vollkommen normalen Tagen.

Und von vielen dieser Tage existieren irgendwo Fotos.

Ein Essen.

Ein Zimmer.

Ein Spaziergang.

Ein Besuch.

Irgendetwas Lustiges.

Ein Gegenstand, den ich damals offenbar unbedingt fotografieren musste und bei dem ich heute keine Ahnung mehr habe, warum.

Auch das ist Vergangenheit.

Ein Foto öffnet manchmal eine ganze TĂŒr

Das Faszinierende ist nÀmlich:

Ich sehe ein altes Foto und plötzlich kommt viel mehr zurĂŒck als das, was darauf abgebildet ist.

Ich erinnere mich an den Ort.

An Menschen.

An eine Situation.

Manchmal sogar an eine Stimmung.

Das Bild selbst enthÀlt all diese Informationen gar nicht.

Es ist nur der SchlĂŒssel.

Der Rest lag offenbar die ganze Zeit irgendwo im Kopf.

OnThisDay schließt jeden Morgen eine dieser TĂŒren auf.

Um 9 Uhr kommt meine Vergangenheit vorbei

NatĂŒrlich könnte ich die App einfach irgendwann selbst öffnen.

Könnte.

Wir wissen alle, wie zuverlÀssig solche VorsÀtze funktionieren.

Deshalb habe ich die Erinnerung eingeschaltet.

Jeden Morgen um 9 Uhr.

Auf meinem iPhone.

Und auf meiner Apple Watch.

Damit ist daraus ein kleines tÀgliches Ritual geworden.

Keine nervige Benachrichtigung mit:

DU MUSST NOCH ETWAS ERLEDIGEN!

Sondern eher:

Schau mal, was heute frĂŒher einmal war.

Und dann entscheide ich, ob ich gerade Lust auf eine kleine Zeitreise habe.

Meistens habe ich sie.

Bis zu fĂŒnfzig Jahre zurĂŒck

OnThisDay kann theoretisch bis zu 50 Jahre eines Kalendertages zurĂŒckblicken.

Das ist natĂŒrlich fast schon ein wenig absurd, wenn man bedenkt, wie jung unsere heutigen digitalen Fotomediatheken eigentlich sind.

Aber alte digitalisierte Fotos können ebenfalls Teil einer solchen Sammlung sein.

Und grundsÀtzlich gefÀllt mir der Gedanke:

Die App setzt keine kĂŒnstlich kurze Grenze.

Sie schaut zurĂŒck, soweit die eigene Fotomediathek etwas hergibt.

Je Àlter die Sammlung wird, desto interessanter wird OnThisDay.

Apple Fotos kann Erinnerungen doch selbst

NatĂŒrlich.

Und teilweise sogar wunderschön.

Apple Fotos stellt RĂŒckblicke zusammen, erkennt Menschen und Orte und macht daraus kleine Geschichten.

Das mag ich ebenfalls.

Aber OnThisDay macht etwas anderes.

Es versucht gar nicht erst herauszufinden, welche meiner Erinnerungen besonders sehenswert sind.

Kein:

„Hier sind deine schönsten Momente des Sommers.“

Sondern schlicht:

Heute ist der 6. November. Das hast du an frĂŒheren 6. November fotografiert.

Ob das wunderschöne Familienfotos sind oder die Bedienungsanleitung eines Routers, interessiert die App herzlich wenig.

Und genau das gefÀllt mir.

Das Leben besteht nicht nur aus Highlights

Algorithmen prÀsentieren uns gerne die schönen Erinnerungen.

Urlaub.

SonnenuntergÀnge.

Menschen.

LĂ€chelnde Gesichter.

NatĂŒrlich sehe ich mir das gerne an.

Aber mein Leben bestand nicht nur daraus.

Da waren vollkommen normale Dienstage.

UnaufgerÀumte Zimmer.

Seltsame Mahlzeiten.

Technik.

Irgendwelcher Kleinkram.

Menschen, die irgendwann aus meinem Alltag verschwunden sind.

Orte, an denen ich lange nicht mehr war.

Und Bilder, bei denen ich Jahre spÀter denke:

Warum zum Teufel habe ich DAS fotografiert?

Auch das gehört dazu.

Vielleicht sogar mehr, als man zunÀchst denkt.

Day One erzÀhlt - OnThisDay zeigt

Deshalb passt OnThisDay fĂŒr mich wunderbar in dieselbe Staffel wie Day One.

Seit 2010 steckt ein Teil meines Lebens in meinem Tagebuch.

Dort stehen Gedanken.

Erlebnisse.

GefĂŒhle.

AlltÀgliches.

OnThisDay macht nichts davon.

Die App erklĂ€rt mir ĂŒberhaupt nichts.

Sie hÀlt mir einfach ein altes Foto hin.

Hier. Erinnerst du dich?

Und manchmal reicht genau das.

Besonders spannend wird es natĂŒrlich, wenn ich anschließend noch nachsehe, was ich an diesem Tag damals in Day One geschrieben habe.

Dann treffen zwei Archive aufeinander.

Das geschriebene GedÀchtnis.

Und das fotografische.

Eine App, die nichts von mir will

Vielleicht gefÀllt mir auch das daran.

OnThisDay möchte mich nicht produktiver machen.

Ich werde dadurch nicht besser organisiert.

Ich schreibe keinen besseren Text.

Ich mache keine besseren Fotos.

Ich erledige keine Aufgaben.

Die App möchte nicht einmal, dass ich irgendwelche Daten pflege.

Sie nimmt einfach etwas, das lÀngst da ist:

meine Fotos.

Und zeigt sie mir in einem neuen Zusammenhang.

Das reicht vollkommen.

Je Àlter ich werde, desto besser wird die App

Das klingt jetzt gefÀhrlich nach Lebensweisheit.

Ist aber eigentlich nur Mathematik.

😁

Jedes weitere Jahr bedeutet einen weiteren möglichen Jahrgang fĂŒr denselben Kalendertag.

Die App wird also nicht unbedingt deshalb interessanter, weil der Entwickler stĂ€ndig neue Funktionen hinzufĂŒgt.

Sie wird interessanter, weil meine eigene Vergangenheit grĂ¶ĂŸer wird.

Das ist bei Software ziemlich ungewöhnlich.

Und wunderschön.

Morgen frĂŒh um neun

Morgen frĂŒh wird sich meine Apple Watch wieder melden.

OnThisDay.

Dann warten dort die Bilder frĂŒherer Ausgaben dieses Tages.

Vielleicht weiß ich noch genau, was damals passiert ist.

Vielleicht habe ich es vollkommen vergessen.

Vielleicht ist ĂŒberhaupt nichts Interessantes dabei.

Und vielleicht erscheint dieses eine Foto, bei dem plötzlich eine ganze Geschichte wieder da ist.

Ich weiß es vorher nicht.

Genau deshalb schaue ich nach.

Jeden Morgen um neun.

OnThisDay – unverzichtbar.