Balus Cave

Vom Statussymbol zum Lieblingsstück: Warum mein Ruhestand auf Montblanc verzichtet

Ich gebe es zu: Ich war empfänglich für die große Erzählung. Wenn ein Notizbuch von Moleskine mit der charmanten Legende daherkommt, dass schon Ernest Hemingway seine Gedanken auf diesen Seiten verewigt hat, dann greife ich zu. Selbst wenn man weiß, dass das eine meisterhafte Marketing-Geschichte der späten 90er ist, das Papier fühlt sich trotzdem richtig an. In meinem Regalfach reihen sich die Moleskines deshalb friedlich neben Leuchtturm1917, Clairefontaine und den wunderbar minimalistischen Heften von Octagon Design.

Genauso wie beim Papier gab es für mich jahrzehntelang bei Schreibgeräten nur einen Standard: Montblanc. Der erste war das klassische Geschenk zum Einstieg ins elterliche Unternehmen - ein Ritual, ein Zeichen des Ankommens. Später geerbt: die edle Variante mit Platinfeder von meinem Vater.

Man muss ihnen eines lassen: Auf einem massiven Schreibtisch aus Eiche oder Walnuss machen diese Füller eine unvergleichliche Figur. Sie strahlen eine zeitlose Eleganz aus, die genau in die Welt von Vorstandszimmern und Arbeitszimmern passt.

Nur: Ich habe heute keinen Schreibtisch mehr. Weder unterwegs noch daheim.

Mein Arbeitsplatz im Ruhestand ist die Sonnenliege auf der Terrasse, der Sessel im Wohnzimmer oder ein Tisch in einem kleinen Café. Und genau hier wandelte sich die zeitlose Elegante der Montblancs in das Verhalten einer ausgewachsenen Diva.

Wer einen Montblanc-Kolbenfüller nicht mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks regelmäßig nutzt, wird bestraft. Liegt das gute Stück mal ein paar Wochen ungenutzt im Etui, trocknet die Feder ein. Tinte und Kolben mechanics verharzen. Das Ende vom Lied: Ein regelmäßiger Trip zur Revision, wo man pro Füller jedes Mal gut 80 Euro liegen lässt. Ein teurer Spaß für das zweifelhafte Vergnügen, dass die Tinte grundsätzlich genau dann leer ist, wenn man spontan einen klugen Gedanken aufschreiben will. Dass das Befüllen aus dem Tintenfass unterwegs unweigerlich in einer leichten Tinten-Katastrophe an den Fingern endet, erspare ich euch an dieser Stelle. Selbst der Umstieg auf Tintenpatronen konnte die Mimosenhaftigkeit der Federn nicht ganz heilen.

Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum halte ich an Werkzeugen fest, die mehr Pflege verlangen als ein Oldtimer, nur weil sie mal eine Statussymbol-Funktion hatten?

Die Lösung für meinen Schreiballtag im Ruhestand erwies sich als erstaunlich bodenständig: Lamy.

Mein aktuelles Setup ist denkbar einfach und absolut uneitel:

⚬ Zwei einfache Lamy-Füller: Sie kosten einen Bruchteil, verzeihen monatelange Schreibpausen ohne zu murren, lassen sich unter lauwarmem Wasser in zwei Minuten komplett reinigen und schreiben einfach. Immer.

⚬ Ein Lamy econ Kugelschreiber: Für die schnellen Notizen zwischendurch oder Formulare, die kein Füllerpapier vertragen.

⚬ Ein Lamy Swift (in der Farbe Lagoon): Mein persönlicher Favorit unter den Tintenrollern. Die Mechanik, bei der der Clip beim Drücken im Gehäuse versinkt, ist funktionale Ingenieurskunst für die Hosentasche.

Heute sitze ich auf der Terrasse, schlage mein Notizbuch auf, ziehe die Kappe vom Lamy und schreibe einfach los. Kein Aufstand, keine verklebten Federn, kein Schreibtisch-Zwang.

Die alten Montblancs liegen sicher verwahrt in ihrer Schatulle. Ich halte sie in Ehren, als schöne Erinnerungen an vergangene Zeiten und an meinen Vater. Aber die Geschichten von heute schreibe ich mit Werkzeugen, die für das echte Leben gemacht sind.